Aktuelles


Aktuelles aus dem Nistkasten siehe Mauerseglertagebuch


Ein ganz großes Lob an Jeannett Reddig für die geleistete Arbeit und die kostenlose Bereitstellung des Servers. Der Verein sagt Danke.


 Funde seltener Spinnen im Raum Goslar-Oker

 

Spinnen sind (leider) wohl mit Abstand die unbeliebtesten Arthropoden (Gliederfüßer) unserer Tierwelt. Dabei sind Farben, Formen und Lebensweise der Achtbeiner mindestens ebenso faszinierend wie fesselnd, und die Beschäftigung damit kann der Vogelbeobachtung durchaus das Wasser reichen (höre ich da Widerspruch?). Scherz beiseite: Neben den Allerweltsarten kann unser Gebiet durchaus mit einigen Besonderheiten aufwarten.

 

Beginnen wir mit der wohl markantesten, der Flussuferwolfspinne (Arctosa cinerea). Sie war Spinne des Jahres 2006 und galt in Niedersachsen als ausgestorben (Rote Liste_Status 0). 2016 nun tauchte die imposante Spinne in Form eines jungen Weibchens in der Okeraue wieder auf, nach fast 40 Jahren der erste Fund in Niedersachsen. Sie ist also noch nicht ganz ausgestorben.

 

Wir bleiben in der Okeraue, und zwar im Flussschotterbereich, beginnend am Ortsrand von Oker bis etwa zur Probsteiburg. Dieses Gelände hat einige Besonderheiten aufzuweisen. Die Streifbeinige Tarantel (Alopecosa striatipes) gehört dazu, auch eine unserer großen Wolfspinnenarten (groß will heißen ca, 16-18 mm!). Sie ist zwar im südlichen Niedersachsen nachgewiesen, dieser Fund aber gilt nach wie vor als der nördlichste in Deutschland.

 

Auch die Kreuzspringspinne (Pellenes tripunctatus), eine Winzigkeit von ca. 4 mm, hat eine große Population in der Okeraue. Sie gilt als eine der schönsten Spinnen, namentlich das Männchen, obwohl man das wirklich erst mit einer Lupe sehen kann – oder eben in der Nahaufnahme. Sie hat für Niedersachsen den Status 2 in der Roten Liste.

 

Mit Status 3 wartet die V-Fleck-Springspinne (Aelurillus v-insignitus) auf, die markante Kopfzeichnung des Männchens hat ihr den Namen gegeben. Auch sie gehört zu den Winzigkeiten. Ihre Population in den mageren Flussschotterbereichen ist noch weit größer als die der Kreuzspringspinne.

 

Mit der Talavera petrensis, die ebenso klein ist und die nicht einmal einen Trivialnamen hat, haben wir die vorletzte Art aus den Flussschotterbereichen der Oker. Auch sie gehört zu den Springspinnen und steht mit dem Status 3 in der Roten Liste für Niedersachsen.

 

Damit kommen wir zu einer weiteren Springspinne ohne Trivialnamen, die in Niedersachsen noch nie gefunden wurde, ein echter Erstfund also. Sie heißt Sibianor larae und erreicht maximal 3 mm. Das überdimensionale erste Beinpaar ist ein Kennzeichen der Gattung. Sie war dermaßen agil, dass kein einziges Bild wirklich scharf wurde, die Bestimmungsmerkmale allerdings waren einwandfrei zu erkennen.

 

Drei weitere bemerkenswerte Arten habe ich am Sudmerberg, und zwar an der Ostflanke, Nähe Mehrzwecksporthalle, gefunden. Die erste heißt Kupferne Feldspinne (Agroeca cuprea) und gehört zur gleichen Gattung wie die bekanntere Feenlämpchenspinne (Agroeca brunnea). Die A. cuprea hat in Niedersachsen den RL-Status 2 und ist damit stark gefährdet. Das Exemplar auf dem Bild ist gerade beim sogenannten „Ballooning“. Dabei lässt die Spinne einen Flugfaden heraus, der, wenn er lang genug ist, das Tier mit dem Wind in neue Lebensräume trägt.

 

Eine weitere Art ist die Grüne Huschspinne (Micrommata virescens), die man am Wegrand im Staudenbereich oder im hohen Gras finden kann – wenn man sie aufgrund der Färbung (komplett grasgrün) sieht. Sie gehört zu den Riesenkrabbenspinnen. Das Tier auf dem Foto ist ein noch nicht ausgefärbtes Jungtier.

 

Ein bemerkenswerter Fund gelang mir mit einem Männchen der Schwarzbewimperten Springspinne (Pellenes nigrociliatus), die in Niedersachsen den RL-Status 1 hat, also vom Aussterben bedroht ist. Auf dem Foto ist ein Männchen zu sehen. Diese Spinne hätte übrigens weit besser in den Lebensraum Flussschotterbereich an der Oker gepasst.

 

Der letzte und aktuellste Fund betrifft die Trapez-Krabbenspinne (Pistius truncatus). Im Waldgebiet rund um die Morgensternteiche war sie anzutreffen. Sie hat zwar einen RL-Status, aber hier könnte die Seltenheit der Funde auch mit der Lebensweise zu tun haben. Sie bewohnt gerne den Kronenbereich von Laubbäumen und bevorzugt dabei offensichtlich Eichen. Vielleicht wird sie deshalb wenig gefunden.

 

Möglicherweise trifft das auch auf andere Spinnenarten zu, jedoch nicht aus dem gleichen Grund. Ich nehme an, dass dies auch mit der geringen „Beobachterdichte“ zu tun hat, denn Spinnen singen nicht und haben keine bunten Federn!

 

Text und Fotos von Gerwin Bärecke (Veröffentlichung genehmigt)

Flussuferwolfspinne (Arctosa cinerea)

Streifbeinige Tarantel (Alopecosa striatipes)

Kreuzspringspinne (Pellenes tripunctatus)

V-Fleck-Springspinne (Aelurillus v-insignitus) Bild links Männchen, rechts Weibchen

Talavera petrensis

Sibianor larae

Kupferne Feldspinne (Agroeca cuprea)

Grüne Huschspinne (Micrommata virescens)

Schwarzbewimperte Springspinne (Pellenes nigrociliatus)

Trapez-Krabbenspinne (Pistius truncatus)


Geologisch-Botanische Exkursion ins Kellwassertal am 05. Mai 2018

Unsere Exkursion ins Kellwassertal fand bei herrlichstem Wetter statt. Startpunkt war die Vorsperre der Okertalsperre bei Altenau.

 

Das Kellwassertal ist ein Nebental des Okertals. Es wurde stark eiszeitlich geprägt. Das untere Talstück ist Teil der Okertal- Vorsperre bei Altenau. Von dort zieht es sich ca. 8 km hinauf bis Torfhaus zur Steilen Wand. Hier findet sich ein Gletscherkar. Es wurde durch verfestigten Schnee vom Bruchberg unterhalb der steilen Wand geformt. Im oberen Teil des Tales nahe des Nabentaler Wasserfalls befinden sich auch Anlagen des Oberharzer Wasserregals.

 

Von der Vorsperre aus sieht man eine mächtige Wand aus Grauwackebänken mit Tonschieferlagen aus dem Unterkarbon, in die das Kellwassertal größtenteils eingesenkt ist. Aber auch Ausläufe des Oberharzer Diabaszuges (Mitteldevon bis Unterkarbon) treffen auf das Tal.

 

Das Tal wird intensiv von der Forstwirtschaft genutzt, und zur Zeit werden dort die Fichtenstämme  gelagert, die Sturmtief Frederike zum Opfer gefallen sind. Ca. 15000 Kubikmeter Holz werden dort ihren Platz finden und durch Beregnen feucht gehalten. Wir konnten zahlreiche Holztransporte beobachten, die unter erheblicher Staubentwicklung die Stämme zum Lagerplatz jenseits der Kellwasserbrücke brachten. Große Mengen an Pollen trübten zunächst den Blick auf Pflanzen am Wegesrand und wassergefüllte Fahrspuren, die von Berg- und Fadenmolchen  und Feuersalamandern zur Fortpflanzung genutzt werden. Sumpf-Schachtelhalm und -Vergißmeinnicht, Bachbunge (Veronica beccabunga),  Bitteres  und Wiesen-Schaumkraut (Cardamine amara und pratensis) waren an den feuchten Stellen zu finden. Sie unterscheiden sich u. a. durch die Farbe der Staubbeutel (violett und gelb). Kriechender Hahnenfuß, Wald -Erdbeere, Besenginster, Rosen und das massenhaft auftretende Kleine Habichtskraut (Hieracium pilosella) waren Begleiter einer echten Rarität. Drei leider arg verstaubte Pyramiden-Günsel (Ajuga pyramidalis) (1. Foto Archiv), RL 3 Dtl und RL 0 Nds, wurden beinahe vom Erstentdecker plattgetreten. Vor fünf Jahren waren hier noch 300 blühende Sprosse zu finden. Ein weiteres Vorkommen gibt es im Selketal. A. pyramidalis unterscheidet sich vom Kriechenden Günsel durch die Behaarung, die von violetten  Hochblätter überragten Blüten und das Fehlen von Ausläufern. Die prächtige violette Farbe verliert sich leider mit zunehmendem Alter. Allerdings kommen auch  Hybriden vor.
Nach der Brückenüberquerung ging es, vorbei an Weißer und Roter Pestwurz (Petasites albus und hybridus), deren Blätter nach der Blüte ins Riesenhafte wachsen, rechts über den Eidechsenpfad über Stock und Stein Richtung Altenauer Campingplatz.

 

Der Hang ist fast völlig mit zahlreichen Moosen bewachsen, die allerdings durch die Trockenheit völlig ausgedörrt waren. Sie werden voraussichtlich Thema einer Moosexkursion im Herbst.

 

In kleinen Bachläufen stand das Gegenblättrige Milzkraut (Chrysoplenium oppositifolium) und etwas entfernt, aber immer noch auf feuchten Grund das Wechselblättrige Milzkraut (Chrysoplenium alternifolium), das größer und weniger kompakt ist. Der filigrane Wald-Schachtelhalm (Equisetum sylvaticum) liebt ebenfalls feuchte, schattige Standorte. Dort trifft man auch auf die Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris), während der Rauhaarige Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum)

meist direkt an Bachufern wächst.
Im Bergrücken zwischen Unterem und Mittlerem Rabental trifft man auf Pillow-Diabase aus dem Mittleren Devon, die infolge Abkühlung durch Meerwasser unter Veränderung ihres Mineralbestandes entstanden. Verfallene Stollenmundlöcher, Pinge und Haldenreste zeugen von alten Abbauversuchen auf Roteisenerz. Der Weg dorthin war übersät von Hain-Veilchen (Viola riviniana), erkennbar am hellen Sporn.

 

Weiter westlich am Pfad entlang der Vorsperre trifft man auf einen alten Kalksteinbruch, der einst Zuschlagstoffe für die Verhüttung der Altenauer Erze lieferte. Das ist der Locus typicus des Kellwasser – Ereignisses, das 1850 erstmals von Bergrat Adolph Roemer erwähnt wurde (der ursprüngliche Fundort liegt heute unter Wasser) und dessen Spuren weltweit nachweisbar sind.
Zwei dunkle, mergelige Schichten zeugen von einem der größten Massenausterben der Erdgeschichte vor ca. 373 Mio Jahren. Sie sind reich an Resten von Meeresorganismen wie Muscheln, Nautiliden, Gonatiden und Mikrofossilien. Sie bilden die Grenzschicht zwischen Famennium und Frasnium und markieren ein Aussterbeereignis, bei dem ca. 50 % der flachmarin lebenden Arten der späten Devonzeit verschwunden sind. Die Ursachen dafür sind unklar, aber offensichtlich war es kein kurzfristiges katastrophales,  sondern ein zweiphasiges Ereignis im Abstand von vielen tausend Jahren. Plötzliche Ereignisse wie Meteoriten-Einschläge kommen als Ursache nicht in Frage. Vermutlich spielten mehrere Faktoren eine Rolle, wie Meeresspiegelveränderungen, Vulkanismus, Anoxie, Klimaveränderungen. Es verschwanden Panzerfische, Riffbildner, Trilobiten, also flachmarine Arten.
Die„Big Five“: Ordovizium - 60% marine Gattungen, Devon - 50%, Perm - 95% marine und 70% terrestrische Gattungen, Trias - 50% marine Gattungen, Kreide fast 50% marine und 20% terrestrische.

Nach einem letzten Blick auf die beregneten Baumstämme ging es zurück zur Vorsperre.

 

Fotos von Anke Schulze und Dr. Agnes-M. Daub (Veröffentlichung genehmigt)