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Diese tolle Meldung schickte uns heute unser Mitglied Willi Grope.


Exkursion am 16. September 2017

 

Wanderung auf dem Bandweg in den Buchenwäldern um Stolberg

 

 

 

Die alljährliche gemeinsame Wanderung des Botanischen Arbeitskreises Nordharz mit dem Naturwissenschaftlichen Verein Goslar ging in den Südharz in die Stadt Stolberg.

 

Die botanische Leitung hatte Dr. Ulrich Kison vom Bot. AK Nordharz, die Informationen zu Stolberg lieferte die Stadtführerin Rosi Riese vom Geschichtsverein Stolberg.

 

Vom Treffpunkt Bahnhof aus ging es über die Hauptstraße und das Flüsschen Thyra hinweg auf den unteren Bandweg, einen schmalen Wanderweg auf der östlichen Talseite oberhalb des Ortes. Immer wieder hatte man wunderbare Blicke über den Ort, auf das Schloss und die Kirche, die Kapelle (die leider nicht mehr als Winterkirche genutzt wird), die äußeren und inneren Stadttore, die Münze (Münzprägung vom 13. Jahrhundert bis 1806).

 

Die erste botanische Rarität wuchs schon am Parkplatz des Bahnhofs, die weißblütige Sandschaumkresse Arabidopsis arenosa.

 

Der Bandweg war aufgewühlt von Schwarzwildspuren. Es gibt viele Wildschweine in der Region, Rotwild hingegen wird durch Abschuß reguliert, wozu es sogar touristische Angebote gibt. Mancher Mann (manche Frau?) läßt es sich Tausende von Euro kosten, in Stolberg zu übernachten und an einer Jagd mit sicherer Trophäe teilzunehmen.

 

Der Weg führt durch Kiefern, Eschen, Ahorn und Buchen. Buchen sind hier in Stolberg der ursprüngliche Bewuchs und bilden das „Harzer Epizentrum“. In Kaltluftkanälen haben auch ander Bäume eine Wachstumschance. Eschen leiden hier wie vielerorts unter einem Pilz, der in zwei Fruchtformen Blätter und Holz der Bäume schädigt und Exemplare aller Altersklassen angreift. Kahle Bäume stehen im Wald, ein Anblick, an den wir uns wohl gewöhnen werden müssen. In Sachsen-Anhalt werden derzeit keine Eschen mehr angepflanzt. Waren es im vorigen Jahrhundert die Feldulmen, die von einem Parasit befallen wurden, sind es jetzt die Eschen. Und man kann nur hoffen, dass nicht auch noch die Buchen befallen werden, sonst haben wir irgendwann keine Wälder mehr. Angepflanzt werden derzeit verstärkt Douglasien, die die durch Borkenkäfer gefährdeten Fichten ersetzen werden und für die nadelholzverarbeitende Industrie wichtig sind. Für den reinen Wirtschaftswald ist das ein nötiger und möglicher Kompromiss.

 

Bestimmte Flechten, z.B. Xanthoria, und wuchernde Brombeeren deuten auf hohe Stickstoffeinträge hin. Schwarze Flecke auf herbstlichen Ahornblätten, verursacht durch den Ahornrunzelschorf, die auf absterbenden Blättern auftreten, deuten aber auch auf eine gute Luftqualität  hin. Eine durchaus eßbare Pflanze am Wegrand war die Kohlkratzdistel Cirsium oleraceum, die man zu einer Art Spinat verwenden kann und früher regelmäßig auf den Speiseplänen der Region stand. Auch das Bittere Schaumkraut Cardamine amara gehört(e) als kräftiges Würzmittel zum Beispiel in den Kartoffelsalat. Auf den Wiesen werden Kräuter gesammelt und zu Tee verarbeitet. Eine Kostprobe davon erwartete die Wanderer am Kehrpunkt der Wanderung, ausgeschenkt von Frau Riese und ihrer Tochter Christiane Funkel. Frau Funkel ist die Leiterin des Biosphärenreservats Karstlandschaft Südharz, das die Anerkennung der UNESCO anstrebt. Die Bank, auf der der Imbiss serviert wurde, ist eine sog. Gedankenbank. Diese werden von Sponsoren bezahlt, verbreiten die eingeschnitzte Gedanken und sollen in Vielzahl in der Region aufgestellt werden.

 

Aus Stolberg stammen zwei berühmte Botaniker. Stadtphysikus Johannes Thal hat als erster weltweit eine Flora erstellt, d.h. alle Pflanzen eines Gebiets beschrieben und aufgelistet. Und eben nicht nur, wie bis dahin üblich, nur Heilpflanzen. Die Manuskripte liegen im Archiv in Stolberg. 5 Jahre nach seinem Tod, 1588, wurde sein Buch „Sylva Hercynia“ in Nürnberg gedruckt und liegt seit 1977 als Reprint vor. Es ist interessant, durch die Lektüre dieser alten Floren die Veränderungen in der Natur zu erkennen. In Thals Buch sind z.B. nur 2 Ahornarten aufgeführt, ohne den Spitzahorn, und auch der Digitalis ist noch nicht erwähnt. Der andere bekannte Botaniker ist Johannes Auge, dem in Kapstadt ein Denkmal gesetzt ist, weil er die dortigen Tafelberge in Gärten verwandelte.

 

Die Hänge hinter den Häuserzeilen hinauf auf die Berge wurden früher bewirtschaftet mit Kartoffeln und Kohl, Mohrrüben und Rüben, alles Pflanzen, die in der kurzen Vegetationsperiode reifen können. Denn Fröste gibt es oft noch im Mai und auch schon wieder Ende August. Deshalb gibt es auch kaum Obstbäume im Ort. Eichen stehen als Reste von Hutewäldern, in denen früher Schweine gemästet wurden. Auch Kühe wurden im Ort gehalten und vom Hirten auf die gemeinsame Weide geführt. Die Anbauten an den Häusern (ehemals Kuhställe) dienten ab 1954 zu den Anfängen des Tourismus als Unterkünfte für Reisegäste.

 

Heute gibt es diverse Hotels im Ort, nach Abschluß der Renovierungen im Schloß wird dort auch eine Nobelherberge entstehen. Das Schloß ist im Besitz der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und wird durch Fördermittel und Spenden restauriert.

 

Der Weg zurück nach Stolberg führte über die sog. Dornröschenbank mit schönenm Ausblick und vorbei an dem wohl höchstgelegenen (frisch angelegten) Weinberg im Harz hinunter ins Kalte Tal. Noch 1900 war das Tal vom Bach durchflossen, an dem 2 Mühlen standen. Später wurde der Bach gebändigt und eine Straße angelegt. Über diese Straße fuhr auch die Postkutsche der Thurn und Taxis, die über Harzgerode auch Braunschweig erreichte. Postkutschenfahrten gehören heute zum touristischen Angebot von Stolberg.

 

18 Häuser des Ortes sind älter als 500 Jahre und in der Ständerbauweise über 2 Stockwerke gebaut. Auch das alte Rathaus unterhalb des Schlosses, das auch Kaufhaus (Stapelrecht) und Schule war, ist ein Ständerbau. Seine Geschosse waren (sind?) nur über die aussenliegende Treppe erreichbar.

 

Davor, auf dem Marktplatz steht seit 1989 das Denkmal für Thomas Müntzer, den großen Sohn der Stadt. Eine weitere bedeutende Persönlichkeit war Juliane von Stolberg (1506-1580), in zweiter Ehe verheiratet mit Wilhelm von Nassau-Dillenburg und damit Stammmutter des Hauses Oranien.

 

Text und Fotos: Dr. Agnes-M. Daub