Winter-Exkursion
Wanderung an der Radau südlich von Vienenburgam 3. Februar 2018
Winterwetter herrschte nicht gerade, als eine Gruppe aus 15 Personen, Vereinsmitgliedern und Gästen, unter der Leitung von Dr. Martin Bollmeier bei ca. 2°C und leichtem Schneegrieseln sich zu der angekündigten Wanderung entlang der Radau aufmachte.
Vom Datum her hätte man sich auf die Beobachtung von Tierspuren im Schnee freuen können, aber daraus wurde nichts. Denn nach monatelanger Feuchtigkeit und Dunkelheit und fast ohne einen trockenen Sonnentag waren nicht nur die Wiesen und Äcker völlig aufgeweicht und tiefgründig, sondern besonders auch die Wege, die durch kolossale Ackerfahrzeuge und Maschinen der Forst zerfahren sind. Vor nicht allzu langer Zeit wurden entlang der Radau nämlich Fichten (und auch große Weiden und Pappeln) beseitigt. So sahen weite Bereiche wie eine Mondlandschaft aus: Schlammige Überbleibsel der Bäume und Sträucher zwischen zerfurchter Umgebung aufgetürmt, wenn sie nicht hatten weggeräumt werden können.
Auch andere Zeichen menschlicher Ignoranz, Bequemlichkeit oder Gier waren zu entdecken: Mit Gartenabfällen entsorgte Schneeglöckchen, von denen wir später erfuhren, dass die Pharma-Industrie sie zur Herstellung von Alzheimer-Medikamenten nutzt, (das aus ihren Zwiebeln gewonnene Galantamin wirkt als Acetylcholin-Esterase-Hemmer), flächendeckend ausgetrocknete, samentragende Pflanzen des Japanischen Knöterich, ebenso flächendeckend trockene Goldrute. Eine direkt an das Flussufer angrenzende Ackerfläche, von uns von Weitem als abgeerntetes Maisfeld gedeutet, stellte sich als Pappelpflanzung heraus. Von den Bäumchen waren nur noch kurze Stümpfe übrig, die Pflanzen selbst dienen, von der Erntemaschine in einem Arbeitsgang zu Hackschnitzeln zerkleinert und später fermentiert, zur Produktion von Biogas. Werden die von Fichten und Pappeln befreiten Flussufer nicht bald wieder aufgeforstet, so werden die starkwüchsigen Invasionspflanzen sich ihrer bemächtigen und spätere Pflanzmaßnahmen sehr erschweren.
Direkt im Flussbett der Radau fielen als erstes große Schotterflächen auf, auch abgerissene Uferbereiche, an denen mehr oder weniger lehmige Abbruchkanten stehen bleiben. Während die Schotterflächen als Habitat für den Flussregenpfeifer zu klein und zu grobsteinig sind (und auch schon wieder Knöterich auf ihnen wächst), könnten die neuen Abbruchkanten für den Eisvogel eventuell geeignet sein.
Das Fundament einer Brücke war wohl erst vor Kurzem repariert worden, so wie auch manche Uferbereiche mit Wasserbausteinen und Netzen in der jüngsten Vergangenheit befestigt zu sein scheinen. Offenbar sind das Maßnahmen, die nach der Juli-Flut des vergangenen Jahres ergriffen wurden. Statt Bäume, besonders Erlen, zu pflanzen und die Radau möglichst wild zu lassen, um die Ufer zu befestigen und den Wasserstrom zu verlangsamen, tut man mit hohem finanziellem Aufwand alles, damit das Wasser möglichst schnellabfließen kann und riskiert so, dass beim nächsten Unwetter die Wasserbausteine wieder weggerissen und die Ufer wieder unterspült werden. Dazu kennt Dr. Bollmeier den folgenden Spruch:
„Wir bauen auf und reißen nieder; so haben wir Arbeit immer wieder“.
Wegen des offenen Wetters und der lang anhaltenden Nässeperiode konnten wir viele Beobachtungen machen, die man bei einer Winter-Exkursion eher nicht erwartet hätte. Besonders fiel die Artenvielfalt der Moose, Flechten und Baumpilze auf, die uns fast auf Schritt und Tritt begleiteten, vor allem auch, als der Weg durch das Mühlbergholz führte, einen mit vorwiegend Eichen und Buchen bewaldeten Wall, auf dem entlang früher der Mühlgraben, abgezweigt von der Radau, führte und zwei Mühlräder speiste. Dort sollen noch bis vor ein paar Jahren Feuersalamander zu sehen gewesen sein. An der Basis dieses eher trockenen Geländes, das Mühlbergholz ist als östlicher Prellhang der Radau entstanden, beginnt die feuchte Flussaue, wo eine relativ dünne Schicht Ackerboden den Schotter des einstigen Flussbettes bedeckt. Von einem in dem lichten Wald wachsenden Apfelbäumchen ließ sich nicht sagen, ob es sich um einen Wild- oder Kulturapfel handelt, Wildäpfel haben im Vergleich viel mehr Stacheln. Eine schon recht beachtliche Berberitze am Waldrand ist als Neophyt zu bezeichnen, bietet aber den heimischen Vögeln Futter und Wohnung. Ihr Holz zeigt eine leuchtend grüngelbe Farbe. Aus dem kahlen Gezweig der Bäume ertönte schon der Balzgesang der Kohl- und der Blaumeisen. Ein oben gespaltenes Stämmchen diente als Spechtschmiede: In dem Spalt klemmte ein stellenweise bearbeiteter Fichtenzapfen. Und eine andere Tierart war anhand ihrer Trittsiegel zu identifizieren, das Wildschwein, Schwarzwild, Schwarzkittel. Zwei Rehe und später ein Gänsesäger (Männchen), ein Schwarm Erlenzeisige und ein Roter Milan konnten auch beobachtet werden, im Radauer Holz, schon auf dem Rückweg, ließ sich ein Feldhase erblicken. Ein Feldhase im Wald? Wenn man sich die Felder ansieht, ahnt man warum.
Nicht bis zum Gut Radau gingen wir, sondern überquerten vorher, fast am Ende des Radauer Holzes die Bahnschienen und gingen parallel dazu zurück. Das Gespräch kam hier auf den großen Nutzen der Beweidung von Trockenrasen durch Schafe: Wie auch in der Heide sorgen die Tiere für die Verbreitung der typischen Pflanzen und vor allem auch dafür, dass Birken und anderes nicht hochkommt und sie überwuchert. Wo man die Trockenrasen ohne Schafweide erhalten will, z.B. bei Heißum und Othfresen, müssen sie für viel Geld vom Menschen gepflegt werden. Hier an der Bahn sorgte auch Funkenflug für gelegentliche Brände, als noch Dampfloks fuhren. Auch Kinder verursachten so manchen Böschungsbrand, was den Trockenrasen sehr zugute kam. Im nächsten Jahr kam das Grün umso besser wieder durch. Die Zeiten sind lange vorbei, so wie es auch seit den 60er-Jahren den Rotkopfwürger, den Schwarzstirnwürger und die Sperbergrasmücke dort nicht mehr gibt.
Im Radauer Holz fielen wie auch schon im Mühlenbergholz Bäume auf, die mit einem weißen X gekennzeichnet sind, meist besonders beeindruckende Riesen. Ein besonderes Prachtexemplar ist eine kerzengerade gewachsene Eiche, die unser Fachmann, Vereinsmitglied W. Grope, auf ca. 300 Jahre schätzte, ein anderes eine Flatter-Ulme, die an ihren eindrucksvollen Brettwurzeln zu erkennen ist. Willi Grope wies bei dieser Gelegenheit auf das Dilemma der Forstwirtschaft hin: Einerseits muss mit Holz Geld verdient werden, andererseits dient der Wald aber neben vielem anderen auch dem Natur- und Artenschutz. Die weißen X bedeuten, dass die entsprechenden Bäume, auch wenn sie sehr viel Geld einbringen würden, gemäß einer noch recht neuen Auflage nie gefällt werden dürfen, da sie sogenannte Habitatbäumesind.
Totholz unterschiedlichen Alters war reichlich vorhanden und damit erklärt sich auch das unglaublich reiche Vorkommen an Baumpilzen, deren Formen und Farben manche Exkursionsteilnehmer regelrecht begeisterten. Außer verschiedenen, nicht näher zu bestimmenden Trameten fanden wir Röhrlinge, z.B. den Birkenröhrling (ein riesiges Exemplar war dabei), einen an der Oberfläche silbrig glänzenden Gelben Gehirnpilz an einem Eichenast und das „Judasohr“, auch Holunderpilz genannt. Dieser ist essbar, soll wie die chinesischen Morcheln schmecken, sieht auch so aus. Ein Exkursionsteilnehmer fand auch einen Austernsaitling, der bekanntermaßen gebraten auch sehr gut schmeckt.
Einige Frühblüher zeigten sich schon, Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) und Aronstab (Arum maculatum), auch zahlreiche Arten eigentlich erst im Sommer blühender Pflanzen.
Über die vielen Moos- und Flechtenarten ließe sich ohne weiteres ein eigener Bericht schreiben. Nur einige seien hier genannt:
Die häufig vorkommende Wand-Gelbflechte, Xanthoria parietina (Stickstoffzeiger) mit scheibenförmige Apothecien. In ihnen bilden sich Sporen, die nur der Verbreitung des Flechtenpilzes dienen. Der zur Flechtenbildung notwendige Algenpartner wird nach dem Zufallsprinzip gefunden. Die Zarte Schwielenflechte, Physcia tenella. Sie produziert verstärkt vegetative Vermehrungseinheiten, die Soredien, mehlige Partikel, die hier sogenannte Lippensorale bilden. In den Soredien sind beide Flechtenpartner, Pilz und Alge, vorhanden, so dass fortgetragene Partikel direkt einen neuen Thallus bilden können. Typisch für die Schwielenflechten sind fadenförmige Haftorgane an der Unterseite, die mit bloßem Auge zu erkennen waren. Nicht näher bestimmte Cladonia-Arten wie Becherflechte und Rentierflechte.

Das Schlafmoos, Hypnum, das in großen zusammenhängenden Flächen vorkommt und früher getrocknet zum Füllen von Kopfkissen verwendet wurde, das Goldhaarmoos, Orthotrichum, das wie dunkelgrüner Samt aussieht und sich auch so anfühlt, das Einseitswendige Kleingabelzahnmoos, Dicranella heteromalla, das Gewellte Katharinenmoos, Atrichum undulatum, das Fauenhaarmoos, Polytrichum, das auch als Widertonmoos bezeichnet wird. Der Name kommt von „Wider-das-Antun“. Gegen böse Zauber wurde das Moos früher in Ritzen und Hohlräume der Häuser gestopft.

Zum Schluss der Exkursion gegen 13 Uhr zeigte uns Frau G. Schaaf noch ein Moos „mit dem schönen deutschen Namen“ „Sparriger Runzelbruder“ , Phytidiadelphus squarrosus.


Text: Anka-Katharina Plawitzki
Fotos: Willi Grope

1 Dr. Bollmeier gibt eine Einführung in das Exkursionsgebiet.

 

2 Ranken des Gewöhnlichen Hopfens (Humulus lupulus)

 

             3 Die Gelbflechte bildet scheibenförmige Apothecien.                 4 Die Flechten auf den Zweigen werden kritisch betrachtet. 

 

 

                 5 Die grauen Schwielenflechten vermehren sich über Soredien.                               6 Furchen-Schüsselflechte (Parmelia sulcata

 

                     7 Auch Moose werden angesprochen                                                   8 Das Frauenhaar- oder Widertonmoos

 

 

9 Auffallend sind die männlichen Kätzchen der Hasel (Corelus avellana). Nach den weiblichen Blüten mit den roten Narben (siehe unten links) muss man schon gezielt suchen.

 

10 Fruchtstände der Wilden Karde (Dipsacus fullonum

11 Das Holz der Berberitze (Berberis vulgaris) ist durch das giftige Berberin gelb gefärbt. 12 Eine Specht-Schmiede

 

 

      13 Acker-Hellerkraut (Thlaspi arvense)           14 Behaartes Schaumkraut (Cardamine hirsuta)

 

 

15 Kein seltene Pflanze, sondern Müll (Plastikborsten eines Straßenbesens)                    16 Echte Rentierflechte (Cladonia rangiferina

 

17 Im Radauer Holz begeisterten die vielen saprophytischen Pilze an dem reichlich vorhandenen Totholz.

 

            18 Judasohr (Auricularia auricula-judae)                    19 Goldgelber Zitterling (Tremella mesenterica)

 

 

20 Ein Prachtexemplar von Birkenporling (Fomitopsis betulina)

 

                                                                21 Was fliegt denn da?

 

Hier gibt es den Exkursionsbericht auch als Download.

Download
Winterexkursion_Radauer Holz_optimiert.p
Adobe Acrobat Dokument 2.6 MB