10. August 2019   Wanderung an der Großen Horst:
Halbtrockenrasen, Feuchtgebiet und Schwermetallflora

Ungeachtet aller Befürchtungen bezüglich des Wetters konnte eine Gruppe von zunächst 17, später 20 Interessierten, bei vorzüglicher Sicht den Nordwesten Okers erkunden. Das Exkursionsgebiet erstreckt sich zwischen Hahnenberg, Bollrich, Klärteichen, Segelflugplatz und Tennisplatz in Oker. Eine scheinbar karge und trotzdem faszinierende Landschaft! Hier findet man in enger Abfolge die Gesteine des Erdmittelalters im Untergrund. Entsprechend vielfältig ist die Vegetation und man kann verschiedene Pflanzengesellschaften nah beieinander sehen. Die Bedürfnisse von Pflanzen kann man durch Ellenberg-Zahlen beschreiben, z.B. Wasser-, Lichtbedarf und Bodenreaktion. R1 bedeutet Starksäure- , R9 Basen- und Kalkzeiger. So hat die Bunte Kronwicke eine R9, der Dost R8  und die Heide-Nelke R3, also Säurezeiger. Diese Pflanzen findet man hier relativ nah beieinander. Im Osten blickt man auf Hüttengelände und den Langenberg (Oberjura, 157- 145 Mio Jahre). Im Norden der Sudmerberg (Oberkreide 86 Mio Jahre alt) und eiszeitliche Ablagerungen im Steinfeld. Auf dem Hahnenberg finden wir Kahlebergsandstein aus dem Unterdevon (etwa 400 Mio Jahre alt). Unterhalb des Hahnenbergs zieht sich die Triasformation. Sichtbar ist am Kirschenbrink der Muschelkalk.

Das Gelände ist extrem vom Menschen geprägt. Die Bahnverbindung vom Rammelsberg und der Erzaufbereitung zur Hütte in Oker führte hier entlang. Wege und Dämme wurden unter anderem mit Schlacke befestigt. Das Gebiet wird gern und intensiv von Spaziergängern, Hundefreunden und Radfahrern genutzt. Hier findet  auch das Osterfeuer von Oker statt, das jährlich zahlreiche Besucher anzieht. Trotzdem oder gerade deshalb ist der Artenreichtum hier groß. Entlang des Ammentalbaches erreichten wir ein kleines Feuchtgebiet. Hier wachsen im Frühjahr Sumpfdotterblumen und das Breitblättrige Knabenkraut (RL 3), später Blutweiderich, Sumpfstorchschnabel, Baldrian und Sumpfschafgarbe. Vorbei an der Anhöhe am Friedhof, die wegen der dort weidenden Schafe nicht betreten werden kann, erreichen wir eine Muschelkalkrippe. Der Ammentalbach verliert sich hier in einer Bachschwinde, während in näherer Umgebung auch bei Trockenheit das Wasser steht - ein Hinweis auf den wechselnden Untergrund. Auf der Kalkrippe blühen im Frühjahr und Sommer  Frühlingsfingerkraut, Sonnenröschen und Golddistel. In der Nähe wird der Bach zu einem kleinen Teich aufgestaut, der  wohl der Wasserversorgung diente. 
Die Hänge sind im Sommer großflächig mit Wasserdost bedeckt, der zahlreiche Schmetterlinge anlockt. Im Juli blüht an den Hängen massenhaft die Heide-Nelke, so dass ganze Flächen rot erscheinen. Daneben die rundblättrige Glockenblume.
Die Schlacken auf den Dämmen und Wegen bieten der Schwermetallflora Lebensraum. Wir finden die hübsche Galmei-Frühlingsmiere, Hallers- Schaumkresse, Gewöhnliches Leimkraut (im Volksmund Knarrkohl genannt, weil als Gemüse verzehrt). Zwischen dem Tennisplatz und dem Damm des Klärteiches, der auf seinem Grund beachtliche Mengen an Schwerspat, Indium und auch etwas Gold bergen soll, wachsen auf fast kahlem Boden zahlreiche Hallersche Grasnelken und Galmei-Frühlingsmiere.
An den Hängen blühte das Heidekraut (Calluna vulgaris)  in atemberaubendem Violett und bildete einen herrlichen Kontrast zur Kanadischen Goldrute. Zahlreiche Flechten wachsen auf dem Boden und massenhaft auf den Sträuchern. Unterhalb des Osterfeuerplatzes blüht in kleinen Senken der Dost (Origanum vulgare), der zahlreiche Schmetterlinge  (Pfauenauge, Schachbrett, Kaisermantel, Landkärtchen) und andere Insekten anzieht. Zum Zeitpunkt der Exkursion waren bis auf einige Bläulinge und Weißlinge noch nicht viele Schmetterlinge unterwegs. In der Nähe des Flugplatzes wächst der Wirbeldost (Clinopodium vulgare), der auch zu den Lippenblütlern zählt, während der Wasserdost ein urtümlicher Korbblütler ist.
In der Nähe des Tennisplatzes fällt sofort der kalkweiße Untergrund auf. Hier unterhalb des Klärteiches befindet sich die „Neokom-Transgression“ aus der unteren Unterkreide mit Kalken des Oberjuras und der Unterkreide. Sie ist mit einem Kalkhalbtrockenrasen bedeckt. Neben Sonnenröschen, Thymian, Taubenskabiose, Skabiosen-Flockenblume, Golddistel ist auch die Bunte Kronwicke zu finden, die im Juli das Beilfleckwidderchen anzieht. Am Damm fanden wir Färber – und Besenginster und Roten Zahntrost.

Von hier aus ging es entlang einer Wiese, die durch zahlreiche Bauten der gelben Wiesenameise  geprägt ist, die an kleine Termitenbauten erinnern. Die gelbe Wiesenameise züchtet Wurzelläuse, von deren Honigtau sie lebt und ist daher kaum an der Oberfläche zu sehen. Die Insektenfreunde freuten sich u.a. über den Fund einer Blauflügeligen Ödlandschrecke, einen Russischen Bär und die Raupe des Mittleren Weinschwärmers, der auf sonnigen offenen Lebensräumen vorkommt.
Vom Osterfeuerplatz war es nicht mehr weit zu den geparkten Fahrzeugen, wo die Exkursion ihren Abschluss fand.

 

Bericht: Anke Schulze

Fotos: Willi Grope und Volker Edelmann