Vogelstimmenwanderung am 11. Mai 2019

Von der wirklich schlechten Wettervorhersage (Dauerregen und 10 °C) ließen sich zahlreiche Interessierte nicht schrecken und folgten der Einladung des Naturwissenschaftlichen Vereins und der Volkshochschule Goslar zu einer Vogelstimmenexkursion, geleitet von Herwig Zang und Paul Kunze. Bis ca. 8.15 Uhr hatten sich 34 Teilnehmer am Treffpunkt beim Fraunhofer Institut eingefunden, und es konnte unter Führung der beiden bekannten Ornithologen losgehen. Zugegebenermaßen war das Wetter nicht sehr frühlingshaft und selbst für den kühlen Mai ziemlich kalt, die Luft dabei sehr feucht, der Himmel verhangen, die Gras-Wege vom nächtlichen Regen nass, eine Aussicht kaum vorhanden, aber immerhin regnete es nicht in Strömen. Und das Wetter brachte sogar einen Vorteil mit sich: Hätte uns bei Sonnenschein und lauer Luft ein ganzes vielstimmiges Vogelkonzert empfangen, so hörte man heute fast nichts. D.h. statt eines Orchesters konnte man sehr gut einzelne Stimmen getrennt voneinander hören und sich einprägen.
Als erster erklang der Balzgesang des Zilpzalps, der durch seine Schlichtheit und Dominanz von allen Gesängen am einfachsten zu erkennen und zu merken ist. Auch einige hohe laute Rufe des Vogels, die als einfache Kontaktlaute dienen, waren zu vernehmen. Die Balzgesänge der Vögel, gleich welcher Art, von Männchen produziert, dienen immer der Abgrenzung der Reviere und gleichzeitig auch dazu, Weibchen aufmerksam zu machen. Haben sie erst Junge, hört man sie nicht mehr.
Von der Mönchsgrasmücke, deren flötender melodiöser Gesang uns auf fast der gesamten Wanderung begleitete, erfuhren wir, dass sie in den letzten Jahren zahlreicher geworden sei. Die Erderwärmung habe dazu geführt, dass sie im Winter nicht mehr wie früher nach Südspanien sondern eher nur bis England zieht, was vielleicht der Fitness einzelner, d.h. der Anzahl ihrer Nachkommen, zuträglich ist. Bei uns ist sie ein typischer Gartenvogel.
Ein anderer heute allerdings sehr seltener Gartenvogel ist der Gartenrotschwanz. Da er sein Winterquartier als Langstreckenzieher in der Sahel-Zone Südafrikas beibehält, ist er von veränderten Wetterbedingungen dort abhängig und wird durch fehlende Niederschläge stark in seiner Fitness beeinträchtigt. Dasselbe trifft auch auf die Dorngrasmücke zu, von der man in den 60erJahren sogar befürchtete, dass sie aussterben werde, so stark war sie aufgrund schlechter Lebensbedingungen im Überwinterungsgebiet in unseren Breiten zurückgegangen.
Auf dem verlassenen Gelände des Bundesgrenzschutzes, dort, wo zwischen ungenutzten Garagen der Rest einer alten 50ger-Jahre-Tankstelle steht, konnten wir von einer hohen Fichte her das gequetschte Zwitschern des Hausrotschwanzes hören (klingt nach den Worten einer Teilnehmerin nach „Kurzschluss“), der sich durch seine Färbung leicht vom bunteren Gartenrotschwanz unterscheiden lässt. Die aufgelassenen Gebäude bieten in Ecken und Nischen vielerlei Wohnung für den Halbhöhlenbrüter und auch für andere Arten. Z.B. sahen wir eine Kohlmeise in einem kreisrunden Loch in einer Holzverschalung verschwinden und auch wieder hervorkommen. Auf Dachböden und an Hausfassaden findet sie Spinnen und kleine Insekten.
Immer präsent war der krächzende Ruf der Rabenkrähe. Über sie erfuhren wir, dass diese Art die Elstern aus den Randbereichen der Städte vertreibt. Als Konkurrenten um Wohnung und Nahrung sind sie der deutlich kleineren Elster überlegen. Mit dem Verschwinden großer alter Nistbäume nimmt überdies der innerartliche und zwischenartliche Konkurrenzdruck zu. Ein Übriges tut der Uhu als Prädator. Den Uhu als wichtigen Teil des ökologischen Gleichgewichts gibt es also wieder in Goslars Umgebung. Die Rabenkrähen-Jungen sind schon ausgeflogen, wusste H. Zang, der in Vorbereitung der Exkursion an den letzten Tagen hier schon unterwegs gewesen war, zu berichten.
Einige Schritte weiter erreichten wir bei der Bergdorfruine eine frisch gemähte Wiese, wo drei Amseln, ein Weibchen und zwei Männchen, den Boden nach Würmern etc. absuchten und sich von uns dabei nicht stören ließen. Aus einer breiten Hecke mit Weiden und Hartriegel ließ sich der Buchfink vernehmen, auch der Zaunkönig mit seinem schmetternden und das Rotkehlchen mit seinem perligen Gesang, und aus der Entfernung der dunkle eintönige Ruf einer Ringeltaube. Und immer wieder der Zilpzalp, auch Weidenlaubsänger genannt. Er ist einer unserer kleinsten Vögel, wiegt weniger als ein normaler Brief, nämlich nur 8g. Äußerlich kaum zu unterscheiden ist er vom Fitislaubsänger, der hier auf der Wiese nicht vorkommt, uns aber oberhalb des „Blauen Haufens“ später noch begegnen würde. Von weit her klang der Ruf des Kuckucks. Von einem alten Obstbaum her ertönte das helle Zwitschern der Heckenbraunelle, die im Oberharz auch „Harznachtigall“ genannt wurde. Dort, wo nur wenige Vogelarten vorkommen, wurde der Balzgesang der Heckenbraunelle schon als etwas Besonderes empfunden. In einem Bestimmungsbuch konnten wir zum Unterschied die etwas buntere Alpenbraunelle betrachten, welche man aber allenfalls auf dem Brocken zu sehen bekommt. Die zuletzt genannten Vogelarten ließen sich übrigens ihren Balzgesang mit Hilfe eines kleinen elektronischen Geräts entlocken, das Paul Kunze zu dem Zweck mitgebracht hatte: Es handelt sich um einen sogenannten Ting-Stift, der zusammen mit einem Vogel-Bestimmungsbuch im Buchhandel angeboten wird und der der Abbildung einer bestimmten Vogelart entsprechend deren Gesang und/oder Kontaktlaut wiedergibt. Mit Hilfe dieser Einrichtung konnten wir auch die metallisch klingende Strophe der Klappergrasmücke / Zaungrasmücke hören, die heute wie auch die Gartengrasmücke in dem Vogelkonzert fehlte. Stare, deren Junge schon ausgeflogen sein könnten, überquerten die Wiese und ließen ihren Gesang sowie ihre Kontaktlaute hören.
Hinter einer Reihe von Gärten überquerten wir einen schönen Weg, der zwischen Hecken in die Stadt hinab führt. Dort sang die Dorngrasmücke ihr unspektakuläres Lied. Wie schon gesagt, ist die Befürchtung, sie könne ganz aus unserer Landschaft verschwinden, unbegründet gewesen, und ihr Bestand hat sich in den letzten Jahrzehnten wieder erholt. Allerdings droht neue Gefahr durch das Ausräumen der Landschaft.
Von hier stiegen wir höher und kamen zum „Blauen Haufen“, einem weitläufigen hügeligen unbewaldeten Gelände, das von mit Heidekraut und Blaubeeren bewachsenen tiefen breiten Furchen durchzogen ist. Diese Einschnitte gehen auf die einstigen Wege zurück, auf denen die Erzkarren, von Pferden gezogen, vom Rammelsberg ins Tal transportiert wurden. Der weiche Schiefer wurde dadurch zermahlen und konnte als Grundlage für den Bewuchs dienen. Das ganze Gebiet ist recht eintönig und ist nur für wenige Vogelarten als Biotop geeignet. Erwartet wurde die Feldlerche, die dort oben ihr Revier hat. Und sie tat uns auch den Gefallen, ihr schönes Sommerlied zu singen, wobei wir sie in dem dichten Nebeldunst gar nicht sehen konnten, bis sie daraus herabsegelte und landete. Die Feldlerche ist Vogel des Jahres 2019. Durch die intensive industrielle Landwirtschaft nimmt ihr natürlicher Lebensraum stark ab. Früher habe es hier um Goslar herum 30 bis 50 Brutpaare gegeben, heute seien es noch drei. Selbst der Star, den man früher, wie heute noch in einigen Großstädten Südeuropas, auch bei uns in Wolken aus tausenden von Individuen am Himmel beobachten konnte, kommt heute allenfalls in Gruppen zu 50 Exemplaren vor. Die Ursache dafür ist ebenfalls in der Zerstörung der Landschaft zu sehen, wozu zum Bedauern Paul Kunzes auch gehört, dass alte Obstbäume, namentlich Kirschen, aus den Gärten entfernt werden.
Der Wald oberhalb des Blauen Haufens lag immer noch im Morgennebel, der auch die Aussicht auf die Stadt und die gegenüberliegenden Berge trübte. Die Sonne konnte den dichten Dunst nicht durchbrechen und war nur kurzzeitig als weiße helle Scheibe zu ahnen. Das Wetter wurde nicht besser. Je höher wir kamen, desto kälter und feuchter wurde es. Aber vom Waldrand sang uns ein Buchfink entgegen. Der Buchfink, dessen Männchen im Winter hier bleiben, dessen Weibchen allein in den Süden ziehen, war früher der häufigste Vogel im Harz, ist zahlenmäßig auf die Hälfte zurückgegangen. Sein „Regenruf“ ist langweilig wie ein Kontaktlaut, dient aber auch der Revierabgrenzung und erklingt nicht nur bei Regen. Weshalb dieser Ruf so genannt wird, konnte H. Zang sich nicht erklären. Auch der abwechslungsreiche Gesang der Singdrossel ließ sich vernehmen. Er ist unverkennbar und eigentlich nicht mit dem der Amsel zu verwechseln. Untrügliches Merkmal ist, dass sie jedes Gesangselement bis zu dreimal wiederholt. Auf den Fitis hatten wir bis hierher warten müssen. Hier am Waldrand, wo man Weiden Espen, Weißdorn, Feld- und Bergahorn, Ebereschen u.a. gepflanzt hat, kommt er vor, singt er aber seine zarte abfallende Melodie aus hohen Wipfeln, weshalb man ihn in Skandinavien auch „Vogel des Himmels“ nennt.
Inzwischen hatte es angefangen zu regnen, einige Teilnehmer hatten sich schon auf den Weg zum Parkplatz gemacht, die meisten nahmen aber noch den letzten Weg durch einen lichten Buchenwald, ein wieder ganz anderes Biotop, und erlebten dort auch noch einige ganz andere Vogelarten, nämlich den Kleiber, den Waldlaubsänger, der erst in der vergangenen Nacht aus dem Süden zurückgekehrt sein musste, denn gestern hatte ihn H. Zang hier noch nicht beobachten können und den Gartenbaumläufer mit seiner feinen gequetschten Strophe. Ganz stark zurückgegangen ist der Trauerfliegenschnäpper, den wir entsprechend auch nicht hören konnten. Zu Kleiber und Gartenbaumläufer ist noch zu sagen, dass ersterer auch kopfüber auf den Baumstämmen nach unten laufen kann, während der Baumläufer nach unten fliegen muss und nur aufwärst um den Stamm herum läuft. Der Waldlaubsänger brütet am Grund eines Baumes, in dessen Wipfel er Nahrung sammelt und dann über freie Äste nach unten turnt, um auf einem nahen Ast zu warten, bis „die Luft reine ist“, bevor er dann zum Nest fliegt.
Um etwa 10.30 Uhr waren wir am Parkplatz zurück, und die Veranstaltung endete hier.

     Gemähte Wiese ist gut für Amseln                       Blick zur Feldlerche                                   Blick ins Vogelbuch

     Text: Anka Plawitzki, Fotos: Dr. Agnes-M. Daub