Vogelstimmenwanderung im Eichen-Hutewald von Gut Ohlhof

 

Am 5. Mai 2017

 

 

 

 

 

Bei sonnigem Wetter startete die Gruppe um Herwig Zang und Paul Kunze auf der Allee aus Kopfeschen, die von der Kreisstrasse zum Gut Ohlhof führt. Lautstark machte sich trillernd der Buchfink bemerkbar, der häufigste Vogel in Deutschland und damit auch im Harz. Sein lateinischer Name Fringilla coelebs trägt dem Umstand Rechnung, dass nur die Weibchen sich im Winter in südlichen Gefielde begeben, während die Männchen im Norden bleiben und dort ein Einsiedler- bzw. zölibatäres Leben führen. Bei Buchfinken denkt man im Harzraum auch an den Sport, Finken zu halten und in sog. Finkenmanövern (Weltkulturerbe!) gegeneinander antreten zu lassen, um den besten Sänger zu ermitteln. Die Vögel dürfen nicht der Natur entnommen werden, sondern müssen aus Zuchten stammen.

Die relativ farbenprächtigen Wacholderdrosseln flogen mit vollen Schnäbeln zur Fütterung ihrer Jungen in den Wald.

Der Zilpzalp, auch Weidenlaubsänger genannt, ist ein sehr kleiner Vogel von nur 8-9 g Körpergewicht, der seinen eigenen Namen singt. Ihm sehr ähnlich ist der Vitis-Laubsänger, dessen Gefieder mehr gelbe Töne aufweist. Er bevorzugt höhere Standorte und ist mehr im Oberharz zu finden. Beide haben ihre Hauptverbreitung in Tundra und Taiga im eurasischen Raum und wandern auch über den Polarkreis hinaus.

 

Der Grünfink meldete sich mt seinem „trt trt“, die Kohlmeise mit „tita tita“, auch Blaumeise, Amsel und Goldammer waren zu hören.

Die Mönchsgrasmücke, die Männchen mit schwarzer Kappe, die Weibchen mit brauner Kappe, geben erst eine Art Schwätzen von sich, das dann in einen vollen Flötenton übergeht. Geübte Ornithologen hörten dann später auch die Gartengrasmücke, die in Färbung und Gesang weniger auffällig ist als die Mönchsgrasmücke. Der Name Gras-mücke müsste übrigens eigentlich Gra-smücke getrennt werden, weil der Namensteil gra- grau bedeutet und –smücke in etwa Schleicher, Kriecher, weil diese Vögel gern im Unterholz umherhuschen. Ebenfalls dort findet man auch den Zaunkönig, einen sehr kleinen Vogel mit charakteristischem Stelzschwanz, der für seine kleine Größe eine enorm kräftige Stimme hat.

 

Am Teich am Gutseingang konnten Stockenten beobachtet werden, die noch in der Balz sind.

 

Im Hutewald stehen uralte mächtige Eichen, die dem Buntspecht Lebensraum geben, den Kleibern, die schon mit der Brut beschäftigt sind und deshalb nicht mehr singen, und dem Gartenbaumläufer. Im Gegensatz zum Kleiber, der auch kopfüber an Stämmen laufen kann, läuft der Gartenbaumläufer die Stämme nur hinauf und setzt dabei auch seinen Stützschwanz ein. Die grobe Rinde der alten Eichen sucht er nach Nahrung ab und brütet auch hinter abgeplatzten Rindenstücken. Er hat eine ganz leise Stimme. In Wäldern, die neben solchen grobborkigen Laubbäumen auch noch Fichten stehen, ist der Waldbaumläufer zu Hause.

 

Immer wieder zu hören war die Ringeltaube, das „Chackern“ der Wacholderdrossel und der angenehme Gesang der Singdrossel, der viele Elemente aufweist, aber charakteristisch wird durch eine Wiederholung jedes Motivs.

Tiefer aus dem Wald erklangen die etwas gequetschten Töne des Rotkehlchen­gesangs. Das Rotkehlchen ist ein typischer Vogel des Unterholzes.

Dort erklang auch das Wispern der Heckenbraunelle, im Harz auch gern die Harznachtigall genannt, wenn sie von den Fichtenspitzen aus ihren Gesang ertönen läßt. Die Heckenbraunelle ist ganzjährig in der Region und im Winter an den Fütterungen zu finden, wo sie gerne am Boden aufpickt.

Auch Stare sind in diesem Eichenwald zu Hause, da sie in den alten Bäumen als Höhlenbewohner geeignete Nistplätze finden. Auch sie brüten schon und singen deshalb nicht mehr. Spatzen (Sperlinge) waren immer wieder zu hören. Sie sind die häufigsten Vögel im Gebiet von Gut Grauhof.

 

Am Waldrand fangen die Felder an, ein schon fast verblühtes Rapsfeld und ein weites Getreidefeld, und plötzlich ist es Schluß mit Gesang. Der von früher noch bekannte Gesang der Feldlerche ist verstummt, es gibt diesen Vogel kaum noch. Auch Rebhühner und Schafstelzen gehören eigentlich in diesen Lebensraum, auch sie sind nicht vorhanden. Die Insekten sind weggespritzt, es gibt keine Ackerwildkräuter mehr, der Lebensraum für diese Vögel ist weitgehend vernichtet. Herwig Zang bezeichnet diesen Zustand als eine künstliche Wüste und grenzt sie ab von der natürlichen Wüste, denn dort gibt es an den Standort angepasste Arten. Es gibt Versuche, die Feldvögel wieder anzusiedeln, indem man Brutinseln in den Feldern oder Blühstreifen am Feldrand subventioniert anlegt, aber den großen Erfolg hat es noch nicht gegeben.

 

Ein weiteres Problem in der Vogelwelt sind Neozoen, also Tiere, die zumeist aus Zuchten stammen, ausgewildert sind und einheimische Tierarten verdrängen. Dazu gehört die Nilgans, von der noch letzte Woche ein Paar auf dem verwunschenen Teich in Gut Ohlhof zu finden war und dort sicher einen guten Bruterfolg haben wird. In ganz Niedersachsen gibt es mittlerweile 20.000 Nilgansbrutpaare, die u.a. die Rotmilane beeinträchtigen, indem sie ihre Horste beziehen.

 

Am Waldrand im Bereich der großen Scheune war der Baumpieper zu hören und insbesondere die Dorngrasmücke, ein typischer Vogel des Waldrandes. Im Balzflug über dem Buschwerk erklingt ihr feiner zwitschernder Gesang.

In der Nähe der Bebauung dann noch eine Streuobstwiese, auf der Stare und Bachstelzen zu sehen waren. In diesen alten Obstbäumen hat früher auch der Steinkauz gebrütet. Er ist verschwunden, seit der Untergrund zu hoch wachsen darf, denn er sucht seine Nahrung „zu Fuß“ und braucht flachen Bewuchs.

An der Scheune und den Häusern sind unter den Dachüberständen Mehlschwalbennester zu finden. Einige davon werden auch von Spatzen bewohnt, deren Tschilpen wieder lautstark ertönte. Zuguterletzt erfreute ein gut sichtbarer Stieglitz mit seinem bunten Gefieder.

 

Die Botaniker bewunderten im Wald hochgewachsene Feldulmen, die irgendwie das große Ulmensterben überstanden haben, die Kopf-Eschen-Allee und dann doch an einem Feldrand mit Ackerwildkräutern die seltene Ackersteinsame.

 

Bleibt ein Kuriosum nachzutragen: Eine Anwohnerin brachte der Ornithologengruppe ein Nest, das sie schon einige Zeit beobachtet hatte und das jetzt bei einem Sturm zu Boden gegangen war. Es ist eine Kugel aus Kunstwolle, fein verwoben mit Zweiglein mit einem Durchmesser von > 30 cm und hat eine Öffnung, die in ein weiches helles Inneres führt. Da nur ein Kotfleck darin zu finden ist, scheint es nicht wirklich als Nest benutzt worden zu sein. Es darf gerätselt werden, ob ein Vogel und wenn welcher dieses Ding gebaut hat.

 

Text und Fotos: Dr. Agnes-M. Daub