Botanisch-geologische Wanderung zu den Sandhöhlen am Regenstein/Blankenburg am 12.10.2019

Das Wetter hätte nicht besser sein können, als der NWV Goslar seine letzte Exkursion des Sommerprogramms unternahm.

Geführt von Gisela Schaaf und Dr. Agnes Daub, ging es vom Regenstein-Parkplatz direkt Richtung Wald, wo Gisela Schaaf anhand einiger Abbildungen eine Übersicht über die Geologie der Nordharzregion zwischen Salzgitter-Lichtenberg und Aschersleben gab. Die im Erdaltertum in Jahrmillionen durch immer wiederkehrende Aufschüttungen und Überflutungen entstandenen bis zu 2000m mächtigen Schichten wurden im Erdmittelalter vom sog. Jura-Meer überflutet. Ungeheure Schub- und Zugkräfte (als wenn man mit der flachen Hand über ein Tischtuch fährt, das dadurch parallele Falten schlägt) schoben den Harz vor etwa 60 bis 80 Millionen Jahren auf, gleichzeitig kam es zu Abtragungen an den jetzt schräg oder senkrecht stehenden Schichten, so dass nun Gesteinsschichten aus dem Erdmittelalter und dem Erdaltertum nicht mehr untereinander sondern nebeneinander liegen. Besonders interessant ist hier die Schicht aus dem zu Ende gehenden Erdmittelalter, der Kreidezeit, denn diese bildet heute die subherzyne Kreidemulde, die zwischen zwei Schichtrippen aus dem älteren Trias etwa parallel zum nördlichen Harzrand verläuft. Der Quedlinburger Sattel, ebenfalls eine Schichtrippe aus dem Trias, trennt die subherzyne Kreidemulde in den südlichen Blankenburger und den nördlichen Halberstädter Bereich. Der Regensteinzug gehört zu einer Schichtrippe am Rand der Sandhöhlen, die wir ansteuerten.
Unser Weg führte zunächst auf sandigem Grund durch einen vor allem aus Traubeneichen bestehenden Wald. Die Pflanzenformation gehört zu den Birken-Eichenwäldern und heißt Preißelbeer-Eichenwald (Vaccino-Quercetum). Weiter nördlich kamen Kiefern (Pinus silvatica) dazu, deren Stämme in der Vormittagssonne in den oberen Bereichen rostrot leuchteten. In der Strauchschicht waren Heckenkirschen (Lonicera xylosteum) und Brombeeren, hier die Raspelbrombeere (Rubus radula), zu finden.

Am Wegesrand in kurzen Abständen drei Grenzsteine, auf der nach Süden (Blankenburg) gerichteten Seite ein großes B, auf der anderen ein großes P, einer mit der Jahreszahl 1848, belegen, dass hier einmal die Grenze zwischen Preussen und dem Herzogtum Braunschweig verlief, wozu Blankenburg als Exklave bis 1945 gehörte.


Unterwegs eine kleine Baumkunde anhand der Blätter: Bergahorn (Acer pseudoplatanus) und Spitzahorn (Acer platanoides), Hainbuche (Carpinus betulus), Lärche (Larix decidua) und Kirsche. Wobei es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Traubenkirsche (Prunus padus) handelte, die sich als vom Menschen dort angesiedelter Neophyt im gesamten Heers-Gebiet unterhalb des Regensteins mittlerweile als Plage entwickelt hat. In der Strauchschicht des Kiefernwaldes, durch den wir auf die Nordseite des Regensteinzuges gelangten,  Eberesche (Sorbus aucuparia), Faulbaum oder Kreuzdorn (Rhamnus frangula oder R. catharticus, konnte nicht eindeutig geklärt werden), ein Mickerexemplar der Rotbuche (Fagus silvatica), die sich hierher verirrte und wohl kaum eine Chance auf größeres Wachstum hat. In der Krautschicht Drahtschmiele (Deschampsia flexuosa), die weiße Lichtnelke (Melandrium album), das Rotstängelmoos (Pleurozium schhreberi), Tüpfelfarn (Polypodium vulgare), der gern mit dem Rippenfarn verwechselt wird, Johanniskraut (Hypericum perforatum).


Weiter ging es auf der alten Heerstraße „Weg Deutscher Kaiser und Könige des Mittelalters“. Dort freuten sich einige über das im Wind flatternde und klappernde Laub der Espe. In der Krautschicht fanden sich hier weitere für den sandigen Untergrund typische Pflanzen wie die Grasnelke (Armeria maritima), rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Odermennig (Agrimonia eupatoria), Sandsegge (Carex arenaria), Savoyer Habichtskraut, Fetthenne (Sedum) ohne Blüte. Ein großer Leberpilz machte in Form und Farbe seinem Namen Ehre. (Diese Pflanzengesellschaft ist ein Flechten-Kiefernwald (Cladonio-Pinetum), auch als Weißmoos-Kiefernwald (Leucobryo-Pinetum) bezeichnet.)

 

Unterhalb des Großen Regenseins angekommen, las Gisela Schaaf aus Reiseberichten des 19. Jahrhunderts vor, die zeigten, welchen ungeheuren Eindruck dieses auch Götterfelsen genannte Massiv auf die Menschen gemacht haben muss. Der Begriff Regen(-stein) kommt wohl von Regin her, was in prähistorischer Zeit so viel wie Gottheiten, ratende Wesen bedeutet haben soll. Tatsächlich muss es hier eine Kultstätte gegeben haben wie auch noch eine ganze Reihe weiterer in der Region. Sie sind so in der Landschaft angeordnet, dass man von einer Stonehenge ähnlichen Anlage ausgehen kann. Dazu eine Literatur-Empfehlung: Walter Diesing „Himmel auf Erden“ ISBN 3-00-014524-9.


Unser Ziel, die Sandhöhlen, erreichten wir um ca. 11.30 Uhr. Die Sandkuhle mit den umliegenden weißen Felsen erstrahlte im mittäglichen Licht wie die Kreidefelsen von Dover oder der Königstuhl auf Rügen und machten besonders denjenigen starken Eindruck, die sie noch nie gesehen und so etwas hier auch nicht erwartet hatten.  Beim Hinuntersteigen in die Kuhle konnte man sich, auch wegen des aufgekommenen Windes, direkt ans Meer versetzt fühlen. Oben am Rand sah man vom Grund der Kreidekuhle aus die durch Erosion freigelegten Wurzeln der Kiefern, über den Kiefern den blauen wolkenlosen Himmel - ein ganz wunderbarer Eindruck. Neben dem sogenannten Deding-Stein, einem stehengebliebenen Quarzit-Härtling, berichtete Gisela Schaaf, dass noch vor 50 Jahren dieser jetzt nur etwa  mannshohe Felsen über 3 Meter hoch gewesen sei. Die Erosion macht auch hier keinen Halt. Verstärkt wird die Abtragung aber auch durch Menschen. Früher wurde hier „Stubensand“ zum Bestreuen der gestampften Lehmfußböden in den Wohnungen armer Leute oder auch Scheuersand gewonnen, und heute wird der Sand beim Fabrizieren von Graffiti  abgetragen.


Unsere Gliederfüßer-Spezialisten konnten sich über einige Beobachtungen freuen wie die Blaue Ödlandschrecke, die Höhlenkreuzspinne, die Höhlenspinne und den Flachstrecker (auch eine Spinne), über Kiefernwanzen, Zitronenfalter, Hornisse, Saftkugler und eine Großlibelle (wahrscheinlich die grün-blau-gestreifte Quelljungfer).
Gegen 12 Uhr endete die Exkursion. Die meisten Teilnehmer nutzten den schönen Tag noch, um die restaurierte Regensteinmühle zu besichtigen.

Text: Anka Plawitzki, Fotos: Dr. Florenz Sasse, Dr. Agnes-M. Daub und Volker Edelmann