Wanderung durch den Liebenburger Wald (am 04.02.2017)

 

Es sollte eine Wanderung in den Liebenburger Buchenwald als Beispiel für einen Hochwald werden, aber es begann mit einer ornithologischen Beobachtung: Am Treffpunkt Füllekuhle machte mit Gezwitscher und Umherschwirren ein umfangreicher Schwarm Seidenschwänze auf sich aufmerksam!

Und auf ging es in den Liebenburger Wald. Der Unterschied zum zuletzt besuchten Mittelwald wurde schnell klar. In einem Hochwald stehen die angepflanzten Bäume 100-150 Jahre. Sie wachsen gemeinsam besonders hoch und erzielen dabei lange astfreie Stämme, wie sie in der Holzindustrie für Bretter und Furniere gebraucht werden. Es bildet sich ein geschlossenes Kronendach, so daß in der Laubsaison nur wenig Licht den Waldboden erreicht. Demzufolge sind Blütenpflanzen nur im Frühjahr in diesen Wäldern zu finden. Der pensionierte Förster Willi Grope erklärte das LÖWE-Projekt, die langfristige ökologische Waldbewirtschaftung, wie sie seit Jahrzehnten in niedersächsischen Wäldern angewendet wird. Statt wie früher ganze reife Wälder abzuholzen und wieder aufzuforsten, wird heute ein Dauerwald gefördert, der sich immer wieder selbst verjüngt. Stämme mit vorgegebenem Zieldurchmesser werden dem Wald entnommen und der Holzwirtschaft zugeführt, während junge selbstgesähte Buchen stehen bleiben und nachkommen dürfen. Totholz verbleibt im Wald, wobei man zwischen stehendem und liegendem Totholz unterscheidet. Totholz bietet Schutz und Nahrung für viele Tiere und wird nach der Zersetzung durch Pilze wieder in den Stoffkreislauf des Waldes eingefügt. Rückegassen dienen dem Abtransport der gefällten Stämme und sind ohne das abschirmende Baumkronendach die Stellen im Wald, in denen man im Sommer Blütenpflanzen und Tiere findet. Auch an Waldwegen und Lichtungen ist die Artenvielfalt am höchsten. (Nebenbei bemerkt sind Rückegassen auch bei der Jagd in Hochwäldern sehr nützlich. Jagd muß sein, weil vor allem Rehwild durch den Spitzenverbiss die Bäume nachhaltig schädigt und ihren geraden Wuchs verhindert.)

Im Verlauf des Salzgitterschen Höhenzuges, hier im Liebenburger Wald, gibt es Kuppen, die bedingt durch den kalkhaltigen Untergrund recht trocken sind. Hier wachsen statt der Buchen diverse Laubbäume, z.B. Hainbuche, Elsbeere, Linde, Ahorn, Eiche. Auch am sonnigen Waldrand steht eine Vielzahl von Laubbäumen. Ein fröhliches Blätterraten verriet die einzelnen Arten. Die Kuppen sind auch sonniger und daher für manche trockenheitsresistente Arten wie z.B. Schlüsselblumen ein Lebensraum. Orchideen (kleines bleiches Waldvögelein Cephalantera, Sumpfwurz Epipactis) und andere seltene Blütenpflanzen (Schwalbenwurz Asclepias, blaurote Steinsame Lithospermum) findet man vereinzelt an sonnenexponierten Hanglagen. Die Waldrebe Clematis bildet im Liebenburger Wald seildicke Lianen, die die mitgehenden Kinder zum Tarzan-Sein verlockten.

An einer Stelle auf der Kuppe kamen wieder die Ornithologen ins Schwärmen. In den Altholzbeständen fühlen sich Rotmilan, Kolkrabe, Mäusebussard und Spechte besonders wohl. Ein heftiges Trommeln des Buntspechts erklang von allen Seiten.

Im Gebiet des Salzgitterschen Höhenzuges wurde früher Eisenerz abgebaut. Die aufgelassenen Gruben Fortuna, Georg Friedrich und Morgenstern zeugen davon und auch ein Wall im Wald, auf dem eine Schmalspurbahn die Erze nach Salzgitter beförderte. Die Grube Georg Friedrich war bis 1968 in Betrieb, und die AG Schröderstollen,
Groß-Döhren, erinnert im nächsten Jahr an die 50jährige Stilllegung. Heute ist dieser Bahndamm eine beliebte Laufstrecke des Wildes und auch ein Refugium für Blütenpflanzen. Hier waren Erlenzeisige und Kleiber zu hören.

Auf dem weiteren Weg zur Grenzlerburg stand mitten im Wald ein mächtiger alter Bergahorn. Dieser etwa 200 Jahre alte Baum stand schon dort, bevor der Hochwald angelegt wurde, wie seine mächtige Krone zwischen den hohen Buchenstämmen zeigt. Er hatte lange Jahre Schutz als Naturdenkmal, wurde aber inzwischen daraus entlassen. Während andere Bäume mit diesem Schicksal oft der Säge zum Opfer fallen, steht dieser schöne alte Bergahorn noch und hat alle Chancen, so alt zu werden wie der älteste Ahorn im LK Goslar, der in Bad Harzburg seit 500 Jahren im düsteren Tal steht. Jedenfalls wird er uns alle noch überleben!

Eine Rupfung (auf dem Erdboden liegende Federn einer Ringeltaube) fiel auf und entpuppte sich beim genauen Hinsehen als "Bissung". Alle Federkiele waren abgebissen, so daß als Predator (Beutemacher) hier nicht ein Greifvogel, sondern ein Baummarder in Frage kommt. (Waidmännisch korrekt handelt sich hierbei um einen Riss.)

Nach etwa 2 Stunden war dann das Ziel der Wanderung erreicht, die Grenzlerburg. Auf dem Weg fielen schon mehrere Wälle auf, und dann lag sie da, die rechteckige Grundmauer von ca.10 x 14 m, auf der sich die Turmhügelburg befunden hat. Die Basis waren Steinmauern, auf denen eine Fachwerkkonstruktion aufgesetzt war. Ein heute zugeschütteter Brunnen sorgte für die Trinkwasserversorgung. Um die Burg herum ein breiter Graben, der möglicherweise flutbar war, und darum in weiteren Abständen Ringwälle, die wahrscheinlich mit Pallisaden bestückt waren. Da man auch Kanonen auf diesen Wällen vermutet, war die Gegend damals sicher nicht bewaldet. Die Burg ist nach dem salzgitteraner Adelsgeschlecht derer von Grenzleven benannt. Sie stammt wahrscheinlich aus der frühen Zeit des Erzabbaus, als man hier im Tagebau schwefelsaures Erz förderte. (Diese Erzqualität genügt der heutigen Industrie nicht mehr.)

Botanisch interessant ist das für den Landkreis einzigartige und geschützte Vorkommen der grünen Nieswurz Helleborus viridis. Diese Pflanze ist eine alte Heilpflanze und kommt bevorzugt bei alten Burgen vor.

Der Rückweg führte entlang vieler dicker gelagerter Baumstämme, denn im Liebenburger Forst werden alljährlich aus ganz Niedersachsen die für die Furnier-Industrie bestimmten Laubhölzer gesammelt und versteigert. Es wird ein Register erstellt und das Holz im Submissionsverfahren vergeben. In diesem Jahr hat ein einzelner Stamm des beliebten und seltenen Riegelahorns 5000 € erzielt.

Text und Fotos: Dr. Agnes-M. Daub, Goslar