6.Juli 2019

Botanisches Geländepraktikum Heißum
 
Auch diesmal hatte der NWV Goslar wieder Glück mit dem Wetter. Es war sonnig, der blaue Himmel locker weiß bewölkt, es ging ein frischer Wind.  Zehn Personen machten sich um 9.30 Uhr vom Heißumer Friedhof aus auf den Weg zum Mäusebrunnen. Dr. Florenz Sasse hatte zuvor eine Einführung zur Landschaft, zur Strecke und zu den zu sammelnden Pflanzen gegeben. Das Ziel war, die hier typischen Pflanzen zu erkennen und einige mitzunehmen (Rote-Liste-Arten ausgenommen!). Am Mausebrunnen sollte die Gruppe von Dr. Agnes Daub und Herwig Zang empfangen werden. Die beiden würden dort mit vier Mikroskopen und einigen Bestimmungsbüchern auf uns warten.
Der Schotterweg führte etwas bergan zwischen artenreichen Ackerrainen hindurch. Einige der Schottersteine wurden mit Hilfe einer küchenfertigen Zitronensäurelösung als Kalksteine nachgewiesen: Schäumt es (CO2-Entwicklung), wenn man Zitronensäurelösung auf ein Stückchen Stein tropft, so handelt es sich um ein Carbonat, hier wohl Calciumcarbonat. Auch Gips, das Calciumsulfat, kommt hier in der Gegend vor, wurde früher in Gipskuhlen abgebaut, ist besser wasserlöslich als Kalk. Die Wanderung war sehr ergiebig, auch einige lange nicht gesehene Arten waren dabei. Zahlreiche Schmetterlinge waren unterwegs, meist das „Schachbrett“ und braune Wiesenschmetterlinge, die nicht näher bestimmt wurden. Von einigen Pflanzenarten erfuhren wir, wozu sie früher, z.T. noch heute, verwendet wurden, z.B. die Färberhundskamille und der Färberwau (Reseda) zum Gelbfärben, die Wurzel der Wegwarte (Cichorium) als Kaffeeersatz. Die meisten der gefundenen Pflanzen wurden schon unterwegs Pflanzenfamilien zugeordnet und die wichtigsten Blütenformen unterschieden und erläutert, so z.B. radiärsymmetrische fünfzählige Blüten z.B. der Fingerkräuter, Nelken- und Hartheugewächse, die bilateralsymmetrischen Lippenblüten oder Schmetterlingsblüten und die aus Röhrenblüten und/oder Zungenblüten zusammengesetzten Blütenkörbchen der Korbblütler. An den Blütenständen z.B. der Doldenblütler, konnten wir erkennen, dass manche Bauprinzipien im Pflanzenreich sehr verbreitet sind: So ist z.B. die Dolde einer Wilden Möhre aus vielen Döldchen aufgebaut, deren Einzelblüten alle an einer Stelle ihres Stängels entspringen. Diese Stängelchen entspringen auch wieder einem Punkt (Knoten) des Stängels der ganzen  Pflanze, so dass sich eine Dolde ergibt. Manche Blütenstände erscheinen nur auf den ersten Blick als Dolde, sind aber eine Scheindolde, wenn zwar die Einzelblüten wie bei echten Dolden zum großen Teil in einer Ebene nebeneinander stehen, nicht aber einem einzigen Knoten sondern versetzt am Stängel entspringen. Auch erfuhren wir, dass die Ackerwinde und die Zaunwinde trotz großer Ähnlichkeit zu zwei verschiedenen Gattungen gehören.
Unser Weg führte oberhalb Heißums an einer Obstwiese vorbei, auf der eine von zwei großen weißen Schutzhunden bewachte Schafherde weidete. Es fielen auch einige etwa zimmergroße flächige Vertiefungen auf, die dicht mit typischen Magerrasenarten bewachsen sind. Es handelt sich dabei um Flächen des Natur- und Umwelthilfe- Vereins Goslar, der versucht, durch intensive pflegerische Maßnahmen die hier seit Jahrhunderten existierende Kulturlandschaft wenigstens zum Teil zu erhalten. Die obere nährstoffreiche Erdschicht war abgetragen und  ein Magerrasen angelegt worden.
 Bevor wir nach etwa zwei Stunden den Mäusebrunnen erreichten, bekamen wir von Dr. Sasse noch eine Erläuterung, wie man auch eine Pflanzengesellschaft mit Hilfe eines hierarchisch gegliederten Bestimmungsschlüssels ermitteln kann. Dazu verwendete er: Schubert-Helbig-Klotz, Bestimmungsbuch der Pflanzengesellschaften Mittel- und Nordostdeutschlands, Verlag Gustav Fischer und kam zum Ergebnis: Enzian-Schillergras-Halbtrockenrasen.
Die Praktikumsplätze unter hohen Bäumen waren schon mit Binokularen bestückt. An denen waren mangels elektrischer Anschlüsse erfindungsreich Taschenlampen befestigt. Der Objekttisch muss nämlich gut ausgeleuchtet sein, wenn man Einzelheiten erkennen will oder muss, um das mitgebrachte Pflanzenmaterial nach Art-oder Gattungsmerkmalen zu untersuchen. Zur näheren Bestimmung halfen das Buch Rita Lüder, Grundkurs Pflanzenbestimmung, Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim sowie einige von Dr.Sasse zur Verfügung gestellte Vergrößerungen von Blütendiagrammen und –übersichtszeichnungen. Besonders intensiv wurde sich mit Korbblütlern und der Unterscheidung von Schmetterlingsblütlern (Wicke bzw. Platterbse) beschäftigt. Und fast jeder war fasziniert von der völlig aus de Reihe fallenden Blüte einer Wolfsmilch. So verging die Zeit, auch im Gespräch mit anderen Teilnehmern, wie im Fluge, bis die Veranstaltung gegen 14.00 Uhr beendet wurde.

Fotos: Fotos: Dr. Agnes-M Daub und Volker Edelmann