Geologisch-Botanische Exkursion ins Kellwassertal am 05. Mai 2018

Unsere Exkursion ins Kellwassertal fand bei herrlichstem Wetter statt. Startpunkt war die Vorsperre der Okertalsperre bei Altenau.

 

Das Kellwassertal ist ein Nebental des Okertals. Es wurde stark eiszeitlich geprägt. Das untere Talstück ist Teil der Okertal- Vorsperre bei Altenau. Von dort zieht es sich ca. 8 km hinauf bis Torfhaus zur Steilen Wand. Hier findet sich ein Gletscherkar. Es wurde durch verfestigten Schnee vom Bruchberg unterhalb der steilen Wand geformt. Im oberen Teil des Tales nahe des Nabentaler Wasserfalls befinden sich auch Anlagen des Oberharzer Wasserregals.

 

Von der Vorsperre aus sieht man eine mächtige Wand aus Grauwackebänken mit Tonschieferlagen aus  dem Unterkarbon, in die das Kellwassertal größtenteils eingesenkt ist. Aber auch Ausläufe des Oberharzer Diabaszuges (Mitteldevon bis Unterkarbon) treffen auf das Tal.

 

Das Tal wird intensiv von der Forstwirtschaft genutzt, und zur Zeit werden dort die Fichtenstämme  gelagert, die Sturmtief Frederike zum Opfer gefallen sind. Ca. 15000 Kubikmeter Holz werden dort ihren Platz finden und durch Beregnen feucht gehalten. Wir konnten zahlreiche Holztransporte beobachten, die unter erheblicher Staubentwicklung die Stämme zum Lagerplatz jenseits der Kellwasserbrücke brachten. Große Mengen an Pollen trübten zunächst den Blick auf Pflanzen am Wegesrand und wassergefüllte Fahrspuren, die von Berg- und Fadenmolchen  und Feuersalamandern zur Fortpflanzung genutzt werden. Sumpf-Schachtelhalm und -Vergißmeinnicht, Bachbunge (Veronica beccabunga) Bitteres  und Wiesen-Schaumkraut (Cardamine amara und pratensis) waren an den feuchten Stellen zu finden. Sie unterscheiden sich u. a. durch die Farbe der Staubbeutel (violett und gelb). Kriechender Hahnenfuß, Wald-Erdbeere, Besenginster, Rosen und das massenhaft auftretende Kleine Habichtskraut (Hieracium pilosella) waren Begleiter einer echten Rarität. Drei leider arg verstaubte Pyramiden-Günsel (Ajuga pyramidalis) (1. Foto Archiv), RL 3 Dtl und RL 0 Nds, wurden beinahe vom Erstentdecker plattgetreten. Vor fünf Jahren waren hier noch 300 blühende Sprosse zu finden. Ein weiteres Vorkommen gibt es im Selketal. A. pyramidalis unterscheidet sich vom Kriechenden Günsel durch die Behaarung, die von violetten  Hochblätter überragten Blüten und das Fehlen von Ausläufern. Die prächtige violette Farbe verliert sich leider mit zunehmendem Alter. Allerdings kommen auch  Hybriden vor.
Nach der Brückenüberquerung ging es, vorbei an Weißer und Roter Pestwurz (Petasites albus und hybridus), deren Blätter nach der Blüte ins Riesenhafte wachsen, rechts über den Eidechsenpfad über Stock und Stein Richtung Altenauer Campingplatz.

 

Der Hang ist fast völlig mit zahlreichen Moosen bewachsen, die allerdings durch die Trockenheit völlig ausgedörrt waren. Sie werden voraussichtlich Thema einer Moosexkursion im Herbst.

 

In kleinen Bachläufen stand das Gegenblättrige Milzkraut (Chrysoplenium oppositifolium) und etwas entfernt, aber immer noch auf feuchten Grund das Wechselblättrige Milzkraut (Chrysoplenium alternifolium), das größer und weniger kompakt ist. Der filigrane Wald-Schachtelhalm (Equisetum sylvaticum) liebt ebenfalls feuchte, schattige Standorte. Dort trifft man auch auf die Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris), während der Rauhaarige Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum)

meist direkt an Bachufern wächst.
Im Bergrücken zwischen Unterem und Mittlerem Rabental trifft man auf Pillow-Diabase aus dem Mittleren Devon, die infolge Abkühlung durch Meerwasser unter Veränderung ihres Mineralbestandes entstanden. Verfallene Stollenmundlöcher, Pinge und Haldenreste zeugen von alten Abbauversuchen auf Roteisenerz. Der Weg dorthin war übersät von Hain-Veilchen (Viola riviniana), erkennbar am hellen Sporn.

 

Weiter westlich am Pfad entlang der Vorsperre trifft man auf einen alten Kalksteinbruch, der einst Zuschlagstoffe für die Verhüttung der Altenauer Erze lieferte. Das ist der Locus typicus des Kellwasser –Ereignisses, das 1850 erstmals von Bergrat Adolph Roemer erwähnt wurde (der ursprüngliche Fundort liegt heute unter Wasser) und dessen Spuren weltweit nachweisbar sind.
Zwei dunkle, mergelige Schichten zeugen von einem der größten Massenausterben der Erdgeschichte vor ca. 373 Mio Jahren. Sie sind reich an Resten von Meeresorganismen wie Muscheln, Nautiliden, Gonatiden und Mikrofossilien. Sie bilden die Grenzschicht zwischen Famennium und Frasnium und markieren ein Aussterbeereignis, bei dem ca. 50 % der flachmarin lebenden Arten der späten Devonzwit verschwunden sind. Die Ursachen dafür sind unklar, aber offensichtlich war es kein kurzfristiges katastrophales,  sondern ein zweiphasiges Ereignis im Abstand von vielen tausend Jahren. Plötzliche Ereignisse wie Meteoriten-Einschläge kommen als Ursache nicht in Frage. Vermutlich spielten mehrere Faktoren eine Rolle, wie Meeresspiegelveränderungen, Vulkanismus, Anoxie, Klimaveränderungen. Es verschwanden Panzerfische, Riffbildner, Trilobiten, also flachmarine Arten.
Die„Big Five“: Ordovizium - 60% marine Gattungen, Devon - 50%, Perm - 95% marine und 70% terrestrische  Gattungen, Trias - 50% marine Gattungen, Kreide fast 50% marine und  20% terrestrische.

Nach einem letzten Blick auf die beregneten Baumstämme ging es zuück zur Vorsperre.