Exkursion des Naturwissenschaflichen Vereins Goslar am 08. April 2017

Braunschweiger Eichenwälder im Wandel der Zeiten

 

 

 

Die Exkursion wurde gemeinsam mit der Kartierergruppe des Forstamtes Wolfenbüttel durchgeführt. Insgesamt waren 40 Personen und 6 Hunde unterwegs und besuchten den Rieseberg und das Beienroder Holz. Einführende Worte über den Wert dieser Eichengebiete sprach Forstamtsleiter Andreas Baderschneider und übergab dann an den Exkursionsleiter Thorsten Späth (Förster im FA Wolfenbüttel und Mitglied des NWV Goslar).

  

Der Rieseberg gehört zum Ostbraunschweigischen Hügelland und ist durch die Auffaltung der Beienroder Salzstöcke entstanden. Der Boden besteht aus wasserdurchlässigem Muschelkalk im Gegensatz zu den Lössen der umgebenden flachen Landschaft. Während die fruchtbaren Lößböden in Ackerland umgewandelt wurden, findet man auf dem Rieseberg noch einen Wald, wie er vor 200 Jahren als Nutzwald für Viehhaltung und Holzgewinnung angepflanzt wurde. Es handelt sich um eine Buchenwaldgesellschaft mit Eichenwalddominanz, was aus der Nutzungsgeschichte hervorgeht. Neben den alten Eichen sind in diesem Wald diverse andere Baumarten zu finden, nämlich Buchen und Hainbuchen, Ahorne und Eschen, Kirschen und Elsbeeren. In einem alten Hutewald findet man etwa 10 Baumarten, während ein „durchgewachsener“ Mittelwald (s. letzte Exkursion in Liebenburg) etwa doppelt so viele Baumarten aufweist.

 

Im 18. Jahrhundert wurde im damaligen Herzogtum Braunschweig eine planmäßige Waldwirtschaft eingeführt. Der ehemalige Forstinspektor Forstdirektor Meyer erläuterte, woran erkennbar ist, dass es sich hier um einen historischen gepflanzten Wald handelt. Die Eichen stehen in Reihen im alten Ruten-Abstand von 7,20 m. Sie wurden als Heister, also Jungbäume von etwa 2 m Höhe, gepflanzt und an Pfählen angebunden. An einigen der Bäume erkennt man diese Bindestellen durch eine Wulstbildung der Rinde. Die Jungbäume wurden in den Gärten der Bauern herangezogen. Der Rieseberg gehörte zur Lauinger Gutsforst und diente Jahrzehnte als Hutewald (Schweinemast) und zur Bauholz- und Brennholzgewinnung, wobei das Bauholzrecht beim Herzog lag und das Brennholzrecht bei jedermann. Die Abschaffung des Weiderechtes bedeutete für die armen Leute das Ende der Viehhaltung.

 

Erst 1968 kaufte das Land  Niedersachsen 2 Parzellen des Waldes an und etabliert hier seit 1974 ein Naturwald-Reservat, also einen Wald, in den nicht mehr eingegriffen wird. Die Waldstrukturforschung wird durch die Versuchsanstalt in Göttingen betreut. Etwas problematisch ist die relativ kleine Fläche von nur 15 Hektar. Auch die Stickstoffeinträge bedeuten noch immer menschlichen Einfluß. Der Totholzanteil beträgt inzwischen etwa 40 m³/ha. Interessant ist, dass Eichen als ganzes umfallen, während Buchen in sich zusammenfallen. Der Wald wird sich langfristig in einen Buchenwald umbilden, weil eine in ihrer Ursache noch nicht verstandene Eichenkomplexkrankheit die Bäume schädigt und eine Eichennaturverjüngung im Bestand nicht stattfindet. Früher liess die Beweidung keinen Baumnachwuchs aufkommen. Seit 1872 sind Eichen auch durch einen aus USA  eingeschleppter Mehltau geschädigt. Während ausgewachsene Bäume damit zurecht kommen, überleben befallene Keimlinge nur ca. 2 Jahre, solange sie von den Nährstoffen der relativ großen Eichel leben können.

 

Der Pilzkundler Harry Anderson hat im letzten Jahr den Rieseberg auf Pilzarten hin kartiert, die die Naturnähe zeigen und hat 185 Arten gefunden, u.a. den Buchenstachelbart, diverse, auch sehr seltene und bedrohte Lackporlinge, den Konidienschwarzbecher, die Zinnobertramete, das Judasohr. In seiner Begleitung die junge Wissenschaftlerin Lucile Wendt vom Helmholtz-Institut in Braunschweig, die Naturstoffisolierung betreibt. In ihrem Rucksack verschwand so manches pilzbewachsene Holz zur späteren Untersuchung.

 

Die Botaniker erfreuten die vielen Frühjahrsblüher. Gefunden wurden Waldgoldstern und Leberblümchen, der hohle Lerchensporn in weiß und lila, z.T. schon fruchtend, Buschwindröschen in weiß und gelb, Scharbockskraut, Bingelkraut, Lungenkraut, Sternmiere und Waldmeister, Aronstab und Bärlauch, Schlüsselblume und auch schon Sauerklee, Sauerampfer, Ehrenpreis, Brennnessel, Schattenblümchen, vielblütige Weißwurz und erste Blättchen der Zaunwicke. Eine größere Fläche mit gelbem Eisenhut wurde sorgsam umgangen.

 

Der Wald ist FFH-Gebiet und beherbergt 3 Fledermausarten – die Mopsfledermaus, die Große Mausohrfledermaus und die Bechsteinfledermaus.

 

In diesen Eichenwäldern zwischen Braunschweig und Peine leben mit etwa 700 Brutpaaren auch besonders viele Mittelspechte, 4% des deutschen Bestands und 1 % des Weltbestands. Mittelspechte gelten als Such- und Stocherspechte und benötigen Baumbestände mit grobrissiger Rinde, wie es mit den hier stehenden Eichen mit >100 Jahren der Fall ist. Für den Höhlenbau ist stehendes Totholz wichtig. Gesehen wurde kein Mittelspecht, einige der Ornithologen hörten seinen Ruf am Anfang der Veranstaltung. Dafür wurde die Hohltaube bemerkt, die in Spechthöhlen brütet.

 

In einer eingegatterten Kernzone wird die Waldentwicklung ohne den Einfluß von Wild registriert. Dass tatsächlich viel Wild am Rieseberg lebt, erkannte der ehemalige Förster Willi Grope an einer Scharrstelle am Waldboden, in der noch die Fußabdrücke des jungen Bocks sichtbar waren, und den Wetzspuren des Gehörns an jungem Gehölz darüber.

 

Im zweiten besuchten Eichenwald, dem Beienroder Holz, sind über 600jährige Eichen zu bestaunen. Ihr Erhalt ist besonders wichtig, weil in ihrem Mulch der Eremit (Juchtenkäfer)  lebt, der zu den Urwaldreliktarten gehört. Diese Käfer verbringen ihren ganzen Lebenslauf nur in der Nähe ihres Baums. In diesem alten Hutewald wurden insgesamt 580 Totholzkäferarten nachgewiesen.

 

Während der Wald auf dem Rieseberg ein Naturwald (NW) bzw. Naturwirtschaftswald (NWW) ist, handelt es sich beim Beienroder Holz um einen naturhistorischen Wald mit extrem hohen Totholzanteil. Allerdings ist auch dieser Eichenwald gefährdet, das gesamte Unterholz besteht aus Hainbuche. Die gigantische Eichenmast von 2015 ist inzwischen völlig durch den Pilzbefall der Sämlinge vernichtet.

 

Auf einer Fläche ohne Altbäume wird inzwischen versucht, gesunde junge Eichen heranzuziehen, die zur Aufforstung benutzt werden könnten.

 

Die Exkursion machte deutlich, welche Herausforderung das Spannungsfeld von Naturschutz und Waldwirtschaft bedeutet.

 

Text und Fotos: Dr. Agnes-M. Daub